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Das erste Mal kam ich gegen Ende der achten Klasse durch Freunde, Informationsveranstaltungen an der Schule und meine Eltern mit dem Thema Auslandsjahr in Kontakt. Schon damals faszinierte mich die Vorstellung, für ein Jahr in einem anderen Land zu leben, eine neue Kultur kennenzulernen und Erfahrungen zu sammeln, die man im normalen Alltag nicht machen kann. Trotzdem entschied ich mich zunächst gegen die Individuelle Lernzeitverkürzung (ILV), da mir damals die Zeit dafür fehlte. Die ILV soll Schülerinnen und Schüler auf den Stoff vorbereiten, den sie während eines Auslandsjahres in der 11. Klasse verpassen. Rückblickend haben mir einige Freunde und Klassenkameraden, die ebenfalls im Ausland waren, erzählt, dass sie besonders für Fächer wie Mathematik sehr hilfreich gewesen sei.

Während der neunten und zehnten Klasse begann ich dann, mich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich informierte mich über verschiedene Organisationen, besuchte Veranstaltungen und bewarb mich schließlich bei mehreren Anbietern. Diese Organisationen helfen dabei, eine Partnerorganisation im Gastland zu finden, unterstützen bei der Suche nach einer Gastfamilie und begleiten den gesamten Prozess – von den ersten Bewerbungsunterlagen bis hin zum Visum.

Meine Wahl fiel schließlich auf Kulturwerke Deutschland, die mir die amerikanische Organisation SMG vermittelten. Mit dieser Entscheidung war ich sehr zufrieden. Während der gesamten Vorbereitung wurde ich nicht nur bei den organisatorischen Aufgaben unterstützt, sondern auch mental auf die Herausforderungen und Erfahrungen eines Auslandsjahres vorbereitet. Dadurch fühlte ich mich deutlich sicherer und besser vorbereitet. Auch während meines Aufenthalts blieb ich mit Kulturwerke in Kontakt und nahm regelmäßig an monatlichen Videokonferenzen über Zoom teil.

Da ich vor meiner Abreise Vegetarier war, gestaltete sich die Suche nach einer Gastfamilie für den Besuch einer öffentlichen High School schwieriger als erwartet. Deshalb wurde mein Visum kurzfristig auf ein F1-Visum für Privatschulen umgestellt, und ich erhielt einen Platz an der Barnes Academy in Hartwell, Georgia.

Als ich zum ersten Mal erfuhr, dass ich auf eine Boarding School mit nur etwa 150 Schülerinnen und Schülern gehen würde, war ich ehrlich gesagt etwas überrascht. Ich hatte mir eine typische amerikanische High School mit mehreren tausend Schülerinnen und Schülern vorgestellt. Im Nachhinein bin ich jedoch unglaublich froh darüber, wie alles gekommen ist. Die Barnes Academy ist eine internationale Schule, an der junge Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern zusammenkommen. Unter anderem kamen meine Mitschülerinnen und Mitschüler aus Vietnam, China, Japan, Spanien, Äthiopien, Ruanda und Jordanien.

Mit den rund 25 internationalen Schülerinnen und Schülern freundete ich mich sehr schnell an. Da ich außerdem gemeinsam mit einigen von ihnen sowie amerikanischen Gasteltern lebte, wurden viele von ihnen innerhalb kürzester Zeit zu einem festen Bestandteil meines Lebens. Manche sind für mich heute wie Geschwister.

War es eine gewaltige Umstellung, plötzlich in einer großen Familie mit vier Vietnamesen, einem Chinesen und zwei Äthiopierinnen zusammenzuleben? Auf jeden Fall. Es gab Momente, die chaotisch, lustig oder auch verwirrend waren. Natürlich kam es manchmal zu Missverständnissen oder kleineren Konflikten, weil wir alle mit unterschiedlichen Kulturen, Gewohnheiten und Vorstellungen aufgewachsen waren. Gleichzeitig habe ich genau dadurch unglaublich viel gelernt. Die gemeinsamen Erlebnisse, die vielen Insider-Witze, die Gespräche bis spät in die Nacht und die Freundschaften, die daraus entstanden sind, gehören heute zu meinen schönsten Erinnerungen.

Auch die Schule selbst war eine interessante Erfahrung. Über die beiden Semester hinweg belegte ich die Fächer Mathematik, Englisch, Forensic Science, Bible, World Religions, Familien- und Konsumwissenschaften, Geschichte, Wirtschaft sowie Kochen. Der Unterricht bestand aus fünf Stunden pro Tag und endete nach einer einstündigen Mittagspause um 15:30 Uhr.

Neben dem Unterricht war ich sportlich sehr aktiv. Ich spielte Basketball und Fußball für Barnes, unterstützte das Cheerleading-Team als Lifter und trainierte regelmäßig im Fitnessstudio. Besonders Basketball spielte eine große Rolle in meinem Alltag. Im zweiten Semester half mir ein Mannschaftskamerad dabei, einen Platz in einem AAU-Team zu bekommen. Dadurch konnte ich an einer Art Sommerliga teilnehmen, bei der wir an den Wochenenden in verschiedene Städte und teilweise sogar in mehrere Bundesstaaten reisten, um dort Basketball zu spielen. Diese Erfahrungen haben mir nicht nur sportlich, sondern auch persönlich viel gegeben.

Außerdem hatte ich die Möglichkeit, viele Orte in den USA kennenzulernen. Gemeinsam mit anderen internationalen Schülerinnen und Schülern besuchte ich unter anderem Las Vegas, den Grand Canyon und Orlando. Mit meiner Schule fuhr ich auf einen Field Trip nach Jekyll Island an der Atlantikküste, und zusätzlich konnte ich sogar einen guten Freund aus Deutschland in Virginia besuchen. Jede dieser Reisen war auf ihre eigene Weise besonders und hat mir neue Eindrücke vom Leben in den USA vermittelt.

Insgesamt war mein Auslandsjahr eine der prägendsten Erfahrungen meines bisherigen Lebens. Ich habe nicht nur Freundschaften mit Menschen aus den USA und aus vielen anderen Teilen der Welt geschlossen, sondern auch viel Selbstvertrauen gewonnen. Vor allem habe ich gelernt, selbstständiger zu werden, offen auf neue Menschen zuzugehen und mit ungewohnten Situationen umzugehen.

Natürlich war nicht immer alles einfach. Ich habe meine Familie und meine Freunde in Deutschland sehr vermisst, und besonders an Weihnachten hatte ich starkes Heimweh. Es gab Tage, an denen ich mich gefragt habe, warum ich überhaupt weggegangen bin. Gleichzeitig haben genau diese schwierigen Momente mich wachsen lassen. Glücklicherweise konnte ich trotz der Zeitverschiebung regelmäßig mit meinen Freunden und meiner Familie telefonieren und schreiben, was mir sehr geholfen hat. Allen, die darüber nachdenken, selbst ein Auslandsjahr zu machen, möchte ich deshalb Folgendes sagen: Wenn ihr die Möglichkeit habt, dann nutzt sie. Finanziell gibt es einige Stipendienprogramme, beispielsweise das Parlamentarische Patenschafts-Programm (PPP), das einen großen Teil der Kosten übernehmen kann.

Gleichzeitig solltet ihr nicht erwarten, dass immer alles perfekt läuft. Wahrscheinlich werdet ihr – so wie ich – eines der besten Jahre eures Lebens erleben. Trotzdem wird es auch schwierige Phasen geben, in denen ihr Heimweh habt oder euch einfach nach eurem gewohnten Alltag sehnt. Genau deshalb ist es wichtig, offen für neue Erfahrungen zu sein. Ich selbst habe in Hartwell auf dem Land gelebt, was für mich als Stadtkind eine völlig neue Erfahrung war. Auch eure Gastfamilie wird vielleicht Dinge anders machen, als ihr es gewohnt seid. Manchmal werdet ihr euch wundern, manchmal vielleicht sogar ärgern. Doch wenn ihr bereit seid, andere Sichtweisen kennenzulernen und euch auf eine neue Kultur einzulassen, werdet ihr unglaublich viel aus dieser Zeit mitnehmen.

Deshalb kann ich jedem nur empfehlen, ein Auslandsjahr zu machen. Die Menschen, die man kennenlernt, die Erfahrungen, die man sammelt, und die Erinnerungen, die entstehen, bleiben weit über das Jahr hinaus bestehen. Für mich war es eine einmalige Erfahrung, die ich niemals missen möchte.

Abschließend möchte ich mich bei meinen Freunden, meiner Familie, meinen Lehrern und allen bedanken, die mich auf diesem Weg unterstützt haben. Ohne euch wäre dieses Jahr nicht möglich gewesen.

Und zum Schluss noch etwas, das ich während meiner Zeit in Georgia oft gehört habe:

Go Georgia Bulldogs!

Ben Singer